- Ziel der Arbeit
In der nuklearmedizinischen Diagnose wird häufig
die Single Photon Emission Computed Tomography
(SPECT) eingesetzt. Sie soll Stoffwechselfunktionen
sichtbar machen
durch indirekte Beobachtung
der Verteilung radioaktiv markierter Pharmaka.
Aus mehreren Szintigrammen, die
aus verschiedenen Richtungen (30-120)
mit richtungssensitiven
-Kameras aufgenommen werden,
ist ein 3D-Modell der Aktivitätsverteilung
zu rekonstruieren.
Dabei ist die Dämpfung
der emitierten Strahlung zu berücksichtigen,
diese ist proportional zur Gewebedichte.
Ziel ist die Früherkennung krankhafter Veränderungen,
bevor jene zu anatomischen
Abweichungen führen. Anatomische Veränderungen sind mit klassischen
Tomographieverfahren (CT, Ultraschall, NMR/MRT)
besser diagnostizierbar.
- Mathematisches Modell
Die SPECT-Daten werden für jeden der transaxialen 2D Schnitte zu Sinogrammen
angeordnet. Diese können näherungsweise als Meßwerte der gedämpften
(engl. attenuated) Radontransformation (ATRT)
aufgefaßt werden:
Dabei parametrisiert
die Blickrichtung der Kamera
und
den Abstand vom Zentrum der Rotation.
Die Meßdaten sind stark verrauscht, Ursachen sind u.a.
das stochastische Rauschen des radioaktiven
Zerfallsprozesses und die Vernachlässigung der Streuung im Modell.
Weiter führt die faktische
Integration über spitze Kegel anstelle der Linien
im Modell zu systematischen Fehlern in der Messung.
- ATRT: Ein schlecht gestelltes nichtlineares Problem
Die Rekonstruktionsaufgabe der simultanen Approximation von
und
aus gegebenen
verrauschten Meßwerten der ATRT-Daten ist nichtlinear in bezug auf
und ein im mathematischen Sinne schlecht
gestelltes Problem. Da die ATRT hochfrequente Anteile der Signale
und
stark dämpft, müßte ein (möglicherweise gar nicht existierender)
inverser ATRT Operator unbeschränkt, also unstetig sein,
um die
hochfrequenten Anteile zu rekonstruieren.
- Tikhonov Regularisierung
Schlecht gestellte, nichtlineare Probleme können durch Regularisierung
näherungsweise gelöst werden. Ein im linearen Fall gut untersuchtes Verfahren
sucht
ein Minimum
des
Tikhonov-Funktionals
als Approximation der Lösung
(mit ungestörten Daten
).
Engl, Kunisch und Neubauer studierten das Verfahren für nichtlineare
Parameteridentifikationsprobleme bei partiellen Differentialgleichungen.
Sie zeigten (Linz, 1989),
daß unter gewissen Bedingungen
jede hinreichend gute Approximation des das Tikhonov-Funktional minimierenden
Vektors
eine ordnungsoptimale Approximation der wahren Lösung
ergibt.
Die Bedingungen richten sich an den Operator
und
die Hilberträume
sowie an das Verhältnis des
Regularisierungsparameters
zum Fehlerniveau
mit
.
Ferner muß der Abstand
der wahren Lösung
zur Startlösung
im Strafterm
ein hinreichend kleines Urbild unter dem Adjungierten
der Ableitung
des Operators haben.
Die wichtigsten theoretischen Ergebnisse der Arbeit
- Umdefinierter ATRT Operator
Der originale ATRT Operator erfüllt die Bedingungen
der Linzer Arbeit nur unter unrealistischen
Annahmen an die Regularität der Funktionen
.
Nach Umdefinition der ATRT für aus physikalischen
Gründen ausgeschlossene Werte von
(Integration über endliche Strecken,
Umdefinition der Exp-Abbildung für negative Argumente)
erfüllt die ATRT die Voraussetzungen der genannten Arbeit
unter realistischen Voraussetzungen an
.
Hinreichende Bedingungen dafür sind, daß
über dem gewichteten Produkt-Sobolevraum
als Operator nach
aufgefaßt wird und
gilt.
Darin bezeichnet
ein Kreisgebiet mit Radius
in
und
eine beschränkte Gewichtsfunktion darüber.
Schränkt man
auf beschränkte Funktionen, genauer
ein, so sind die
Bedingungen bereits
für
und
erfüllt.
Daher gilt das zentrale theoretische Resultat:
Für
konvergieren die Tikhonov-Lösungen
des nichtlinearen ATRT Problems
mit ordnungsoptimaler Geschwindigkeit gegen eine verallgemeinerte Lösung,
falls die Startlösung hinreichend gut ist und
geeignet gewählt wird.
Eine notwendige Bedingung (zumindest für
)
an die Startlösung
ist dabei
.
Der optimale Regularisierungsparameter ist dann durch
bestimmt.
Analoge Ergebnisse konnten für zwei semidiskrete Varianten
der ATRT erzielt werden.
Der Beweis stützt sich wesentlich auf die beiden folgenden
funktionalanalytischen Resultate
und bekannte Einbettungssätze über Sobolevräume und einen neuen über
gewisse Quasisobolevräume über
.
- Glättungseigenschaften der Fan-beam-Transformation
Die Fan-beam-Transformation (Halbstrahl-Radontransformation)
hat Glättungseigenschaften als Operator
zwischen
und dem Schnitt zweier gewisser
Quasisobolevräume
der Ordnung
bzw.
über
. Der Schnittraum,
der das Bild von
enthält,
ist stetig in den Raum
eingebettet, falls
.
- Fréchet-Differenzierbarkeit der Exponentialabbildung
Eine für Argumente
mit negativen Spitzen
geeignet umdefinierte Exponentialabbildung
mit
ist ein n-fach Fréchet-differenzierbarer Operator
zwischen
und
, falls
und
ein endliches Volumen hat.
Die (operatorwertige) n-te Abbleitung ist Lipschitz-stetig,
falls
und
hinreichend regulär ist.
Numerische Realisierung
- Minimierung des Tikhonov-Funktionals
Numerisch zu lösen bleibt die Minimierung des Tikhonov-Funktionals.
Die Struktur legt einen Gauß-Newton-Ansatz nahe.
Iterativ werden quadratische Formen
minimiert und
gesetzt,
wobei abwechselnd Suchrichtungen der Form
und
zugelassen werden. Dies halbiert
die Größe der jeweils zu lösenden Gleichungssysteme.
Konvergenzaussagen sind (lokal) beweisbar, doch
der implementierte Algorithmus besitzt
einen großen numerischen Konvergenzbereich.
- Numerische Realisierung mittels konjugierter Gradienten
Die Minimierung von
verlangt das Lösen
der linearen Gradientengleichung
im Produkt-Sobolevraum
.
Dies ist äquivalent zur Lösung
von
in
. Darin bezeichnet
die beiden Komponenten der
gedämpften Radon-Rückprojektion,
einen mit dem Sobolevraum assoziierten Pseudodifferentialoperator (PDO)
und
den Multiplikationsoperator zum Gewicht
.
Das letztere lineare Gleichungssystem ist mit einem
konjugierten Gradientenverfahren (CG)
effizient lösbar. Ein früher Abbruch der CG Iteration ergibt dabei
einen zusätzlichen regularisierenden Effekt.
- Implementierung der Operatoren
- ATRT, Ableitungen und Rückprojektionen
Die Diskretisierung der Operatoren
ist mit ausreichender Genauigkeit und effizient durch
bilineare Interpolation auf gegen das Pixelgitter
rotierten Hilfgittern mittels vorberechneter
quantisierter Interpolationsgewichte möglich.
- Realisierung des Sobolev-PDO
Der Operator
kann sehr effizient durch eine Faltung mit kleiner
Maske (3x3) approximiert werden, da nur qualitative Eigenschaften von
wesentlich sind.
- Bestimmung der Gewichtsfunktion
Eine gute Wahl des Gewichts
für den Operator
ergibt sich aus der nichlinearen Radon-Rückprojektion
(für ein geeignetes
)
als
(mit
).
Solch ein Gewicht erzwingt eine stärkere Annäherung an die Startlösung
in jenen Bereichen, über die die gemessenen Daten
wenig Informationen enthalten.
- Beschleunigung der Implementation
-
Die mehrfache Auswertung der
Exponentialfunktion von ähnlichen Halbstrahlintegralen kann
durch eine rekursive Implementation mit Taylorapproximationen
beschleunigt werden.
-
Eine schnelle Auswertung von
und
ist durch Speicherung einiger größerer Datensätze und Zwischenergebnisse
zu Begin der CG Iterationen für
möglich.
-
Einige CG-Iterationen lassen sich einsparen,
wenn dem CG Verfahren ein guter Startwert vorgegeben wird.
Ein solcher ist für
leicht durch 2-3
Iterationen einer neuen dämpfungskorrigierten
Variante der gefilterten
Rückprojektion erhältlich.
-
Ein guter Startwert für die Dämpfung ergibt
sich aus der inversen Gewichtsfuntion
zu
(mit
z.B. der Dämpfungkonstanten von Wasser
), da
die Funktion
unter den medizinischen Bedingungen
eine gute Approximation des Trägers von
ist.
- Numerische Resultate
In Testrechnungen mit Phantomdaten einer Herzuntersuchung
mit 20%multiplikativem Rauschen
zeigt der Algorithmus folgende Eigenschaften.
-
Für festes
wird
sehr gut aus verrauschten Daten rekonstruiert,
falls eine gute Approximation von
bekannt ist.
-
Das nichtlineare Rekonstruktionsproblem
für
bei gegebenem
und
ist gut lösbar, wenn das wahre
bekannt ist.
Mit einer glatten Approximation von
anstelle des wahren
tritt ein
Negativ von
im Fehlerbild für
bereits für ungestörte Daten auf.
-
Werden iterativ
und
rekonstruiert, so
wird
in guter Qualität gefunden.
Die Rekonstruktion von
zeigt das erwähnte Negativ von
. Dieser Effekt trat
in zwei neueren Publikationen zum Thema sehr deutlich auf
(Young und Krol u.a., Syracuse NY, '95,'96).
Diese Arbeiten setzten gänzlich verschiedene
numerische Verfahren (ART-IntraSPECT, EM-IntraSPECT) ein.
Durch eine größere
Zahl von Stabilisierungsparametern im vorgestellten Verfahren
sollte es möglich sein, den Effekt
durch geschickte Parameterwahl weiter einzuschränken.
- Ergebnisse mit realen Daten
Der Algorithmus erlaubt die Rekonstruktion von
aus realen Daten (Bergman Klinikum Potsdam, Uniklinik Göttingen,
Siemens Erlangen)
in einer dem klinischen
Standard mindestens vergleichbaren Qualität.
Ziel der Arbeit ist die Korrektur
von Artefakten, die
aufgrund fehlerhafter Dämpfungskorrekur entstehen.
Aufgrund des starken stochastischen Rauschens
in den zur Verfügung stehenden Daten
verschiedener Myocard Untersuchungen werden diejenigen Artefakte,
welche zu unberücksichtigten Dichtevariationen korreliert sind,
durch das hohe Rauschniveau
in den Rekonstruktionen aus realen Daten überdeckt.
Ein Nachweis der Wirksamkeit des Verfahrens
ist daher mit den vorhandenen Daten schwierig.
Die zum Teil fehlende Antisymmetrieinformation bei
Datensätzen aus älteren Geräten
verhindert eine Anwendung des Algorithmus
zur Approximation von
in einigen Fällen.
Deutliche Fortschritte für die Rekonstruktion von
ergeben sich aber bereits schon dort durch den Einsatz
der dämpfungskorrigierten gefilterten
Rückprojektion mit
.
Eine erfolgreichere Anwendung des Algorithmus auf reale Daten
erfordert noch eine Vorverarbeitung der Daten zur
Verbesserung des Signal-Rausch-Verhältnisses
oder bessere Meßdaten mit höheren Zählraten,
so daß Artefakte welche von der Diskrepanz zwischen
und
herrühren bzw. deren Unterdrückung,
überhaupt in Erscheinung treten können.
Für herkömmliche Daten sind die Resultate bislang kaum von
denjenigen einfacher moderner
dämpfungskorrigierter Rekonstruktionsalgorithmen zu unterscheiden.